Über dieses Buch

Was will ein Gedicht? Was kann es? Welche Sprache spricht es im 21. Jahrhundert, in dem alle Redeweisen und Artikulationsmodi zwischen Tradition und Avantgarde längst durchgespielt sind?

Die Rezeptur, die Hans Magnus Enzensberger vor einem halben Jahrhundert entwickelt hat, ist immer noch gültig: „Die Sprache ist durch die ganze Temperaturskala von der äußersten Hitze bis zur extremen Kälte zu jagen, und zwar möglichst mehrfach. Zwischen Hyperbel und Andeutung, Übertreibung und Understatement, Ausbruch und Ironie, Raserei und Kristallisation, äußerste Nähe zum glühenden Eisen des Gegenstandes und äußerste Entfernung von ihm fort zum Kältepol des Bewußtseins ist die Sprache einer unausgesetzten Probe zu unterziehen.“ Ein Ort für solche sprachlichen Entzündungsprozesse und Zerreißproben ist der Lyrik-Taschenkalender, ein poetisches Gemeinschaftsunternehmen. Der Lyrik-Taschenkalender 2017 webt wie seine kalendarischen Vorgänger ein Netz aus Gedichten, poetischen Korrespondenzen und Kommentaren. 17 Dichterinnen und Dichter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und ein „Special guest“ haben jeweils zwei Lieblingsgedichte deutscher Sprache ausgewählt und kompakt kommentiert. Der Herausgeber stellt seinerseits gemeinsam mit dem Lyriker und Essayisten Henning Ziebritzki alle am Taschenkalender beteiligten Autoren und Kommentatoren mit je einem exemplarischen Gedicht vor. Mit Gedichten und Texten von u.a.: Sonja vom Brocke, Alexandru Bulucz, Dieter M. Gräf, Guy Helminger, Adrian Kasnitz, Sina Klein, Uwe Kolbe, Georg Leß, Jürgen Nendza, Karla Reimert, Marcus Roloff, Ulrike Almut Sandig, Walle Sayer, Daniela Seel, Volker Sielaff, Uljana Wolf, Kathy Zarnegin, Henning Ziebritzki

Uwe Kolbe, geboren 1957 in Berlin(Ost), ist Lyriker und Leiter des Studio Literatur und Theater der Universität Tübingen. Gedichtbände: »Hineingeboren« (1980), »Bornholm II« (1985), »Vineta« (1998), sowie »Die Farben des Wassers« (2001) (alle bei Suhrkamp). Essays u.a. in »Die Situation« (Wallstein 1994) sowie »Renegatentermine« (Suhrkamp 1998). Er übersetzte Theaterstücke von Lorca. 1987 erhielt er den Hölderlin-Preis. Bei uns bisher erschienen: »Südpfalz oder Das Allergrößte« in der Anthologie »An die sieben Himmel« (2002)

Marcus Roloff, geboren 1973 in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern), Lyriker und Übersetzer. Studium der Germanistik, Philosophie und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Zuletzt erschienen die Gedichtbände gedächtnisformate (2006) und im toten winkel des goldenen schnitts (2010). Übertragungen aus dem Amerikanischen (John Ashbery, Kenneth Koch); Zusammenarbeit mit Musikern und bildenden Künstlern; Leitung von Lyrikworkshops am Literaturhaus Frankfurt und dem MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main. Seine Gedichte wurden bislang ins Englische, Tschechische, Griechische, Rumänische und Finnische übersetzt. 2009 erhielt er ein Aufenthaltsstipendium des Landes Brandenburg im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2010 belegte er den zweiten Platz beim »lauter niemand Preis für politische Lyrik«. Er lebt in Frankfurt am Main.

Uljana Wolf, geboren 1979, lebt in New York und Berlin. Sie unterrichtet Übersetzerseminare u.a. am Pratt Institute in Brooklyn und dem Institut für Sprachkunst Berlin. Zu ihren letzten Veröffentlichungen gehören der Gedichtband meine schönste lengevitch (2013) sowie Übersetzungen von Yoko Ono, Eugene Ostashevsky, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki.

Henning Ziebritziki, geboren 1961, studierte protestantische Theologie, promovierte 1992 in diesem Fach an der Universität Mainz und arbeitete zunächst als Pfarrer. 2001 wechselte er in die Verlagsbranche. Ziebritzki ist heute als Geschäftsführer und Lektor des Tübinger Verlags Mohr Siebeck tätig. Daneben schreibt er Gedichte und Essays.

Herausgeber

Michael Braun, geboren 1958 in Hauenstein/Pfalz, Studium der Germanistik und Politischen Wissenschaft, lebt als Literaturkritiker in Heidelberg. Er veröffentlicht Essays zu Fragen einer zeitgenössischen Poetik. 2007 bis 2011 gibt er den Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus (Wunderhorn), seit 2012 den Lyrik-Taschenkalender.