Gespräch mit Wunderhorn

Gespräch mit Wunderhorn

„Jedes Buch ist mit jedem rhizomatisch verbunden“

Gespräch zum dreißigjährigen Bestehen des Verlags Das Wunderhorn. Das Interview wurde zum ersten Mal im Literaturblatt vom Januar/Februar 2009 veröffentlicht. Die Fragen von Irene Ferchl (Literaturblatt) beantworteten Angelika Andruchowicz (AA) und Manfred Metzner (MM).

Im Sommer 1978 wurde in Heidelberg der Verlag Das Wunderhorn gegründet und gab sich das Motto: „Die Erneuerung der Literatur kommt aus den Peripherien und nicht aus den Metropolen.“ Dreißig Jahre und über dreihundert Bücher später stimmt das für die VerlegerInnen Angelika Andruchowicz, Manfred Metzner und Hans Thill sowie ihre Mitarbeiterin Dagmar Darius noch immer und wird nicht zuletzt durch die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2008 an Jean-Marie Gustave Le Clézio, dessen neues Buch gerade bei Wunderhorn erschienen ist, bestätigt.

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Die erste Frage zielt natürlich auf Euren Nobelpreisträger Le Clézio, habt Ihr damit gerechnet, darauf gehofft?

MM Nein, es war uns nicht bewusst, dass er überhaupt auf der Liste war.

AA Wir denken jedes Jahr, dass den Nobelpreis unser Autor, der Lyriker, Kulturphilosoph und Schriftsteller Édouard Glissant aus Martinique erhält, den wir seit 1983 verlegen und der bei uns die Reihe „Völker am Wasser“ herausgibt.

MM Das ist ein Riesenprojekt, das vor fünf, sechs Jahren von dem Kapitän des Schiffs La Boudeuse, Patrice Franceschi, in Zusammenarbeit mit der UNESCO entwickelt wurde. Er hat acht Expeditionen zusammengestellt zu zwölf Völkern, die nur übers Wasser erreichbar sind. Glissant war beauftragt, für diese Expeditionen zwölf Schriftsteller auszuwählen. Bei uns erschien im Frühjahr 2008 als erster Band Bis an die Grenzen von Eldorado von Gérard Chaliand. Als Schwerpunkttitel fürs Frühjahr 2009 war Raga von Le Clézio geplant, den wir wegen des Nobelpreises auf Ende November 2008 vorgezogen haben, zum Glück war die Übersetzung von Beate Thill schon im Juni fertig.

So dass nach der Bekanntgabe des Nobelpreises das Buch gleich in der FAZ vorabgedruckt werden konnte – derartiges ist dem Wunderhorn Verlag noch nicht passiert, oder?


MM So was kommt nur selten vor. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann man sich zum Dreißigsten nicht vorstellen.

Ihr habt sofort reagiert. Durch die E-Mail mit der Pressemitteilung aus Heidelberg haben ich und viele andere vom diesjährigen Nobelpreisträger überhaupt zuerst erfahren!

AA Wir haben gleich nachgesehen und zu unserer Freude festgestellt, dass wir die einzige Neuerscheinung von Le Clézio auf deutsch anzubieten haben.

MM Wie das Buch jetzt laufen wird, werden wir sehen. Wir müssen natürlich gegen die ganzen Nachdrucke konkurrieren, sieben, acht Taschenbücher und das Hardcover Der Afrikaner.

AA Bemerkenswert auf der Buchmesse in Frankfurt war, dass wir dort die neue Reihe „Völker am Wasser“ vorgestellt haben, alle fragten aber nur nach dem Nobelpreisträger. Wir sind nun sehr gespannt, ob sich das auf die Reihe auswirken wird.

Ist denn auf der Buchmesse auch der Verlag Das Wunderhorn wahrgenommen worden oder lag der Fokus nur auf dem Nobelpreisträger?

MM Auf der Messe wurde der Verlag sehr stark wahrgenommen, da wir ja nicht nur Le Clézio im Programm haben, sondern unter anderem seit zwei Jahren den Deutschlandfunk-Lyrikkalender und unsere Poesie-Reihen „Poesie der Nachbarn“ und „VERSschmuggel“. Und wir haben vor allem von Kolleginnen und Kollegen, aber auch von uns völlig Unbekannten jede Menge Glückwünsche bekommen.

Und wie reagiert der Buchhandel?

MM Das wird man sehen. Es ändert sich ja nicht die Problematik, über die wir seit fünfzehn Jahren reden: die Situation der unabhängigen Verlage in den Buchhandlungen. Es gibt aber positive Entwicklungen, zum Beispiel hat die Mayersche Buchhandlung in Aachen, die größte konzernunabhängige Buchhandelskette, den „Independent Day“ ausgerufen, zu dem hundert unabhängige kleinere Verlage eingeladen waren. Man fängt wohl an, das Besondere an den sogenannten „Independents“ zu entdecken. Bei den Thalias und Hugendubels sind die Independents überhaupt nicht präsent, die empfangen unsere Vertreter nicht, deswegen kommen wir da überhaupt nicht vor, so einfach ist das. Immerhin hat die Mayersche jetzt Le Clézio und den Lyrikkalender bestellt.

AA Das ist ein Novum: Der Tageskalender mit 365 Gedichten und der Kommentierung von Michael Braun hat sich durchgesetzt, die Leute sind süchtig danach, hören die Gedichte dreimal am Tag im Funk, senden sich Kalenderblätter zu – und das sind nicht nur Kenner und Experten.

MM Der Deutschlandfunk als Medienpartner ist natürlich ein Glücksfall. Aus dieser Koperation entstanden ist das Projekt „lyrix“, bei dem wir mit dem Deutschlandfunk und dem Philologenverband in Schulen zusammenarbeiten und bei dem das Gedicht des Monats mit Schülern durchgenommen wird, sie können auch selber Gedichte schreiben und einreichen. Im März wird es einen Workshop für die SchülerInnen geben, die in der Endauswahl sind, mit den Lyrikern Norbert Hummelt und Dirk von Petersdorff. Ab nächstem Jahr ist das Goethe-Institut mit Schulen im Ausland dabei, der Kalender hat also weitreichende Auswirkungen.

Aber Lyrik ist ohnehin gerade angesagt, oder?

MM Das hat der Buchhandel bemerkt, für den ersten Kalender hatten wir gerade mal 326 Vorbestellungen, innerhalb von sechs Wochen war der Kalender in einer Auflage von 5000 Stück dann ausverkauft; beim zweiten haben wir die Auflage verdoppelt. Es gibt jedes Jahr mehr Presseberichte und das Schöne für uns ist, dass wir unglaublich positive Reaktionen von den Lesern erhalten, es kommen täglich Anrufe mit Lob und auch Kritik, und zwar erstaunlich kenntnisreich.
Und beides, Le Clézio und der Kalender, führt uns zurück in die Zeit der Verlagsgründung, zur „Literatur von den Rändern her“, und auch Lyrik gab es schon – gucken wir doch mal dreißig Jahre zurück …

AA Das war damals eine Umbruchsituation, wir dachten, alles ist möglich. Wir kamen vom Studium und es war eher Zufall, dass wir dann einen Verlag gegründet haben. Unser Ansatz war, weg von der Herrschaftswissenschaft, alles ein bisschen durchmischen, gegen die etablierten 68er und die dogmatischen K-Gruppen. Es sollte aber ein anspruchsvolles Projekt sein.

MM Ein Projekt der Gegenöffentlichkeit, wie das in den 70er Jahren hieß, ausgehend von Oskar Negt und Alexander Kluges Buch Öffentlichkeit und Erfahrung. Unser Ansatz war, als undogmatische Linke Kultur in die Politik zu bringen. Wir haben die Zeitung Carlo Sponti gemacht, später die Communale (vormals Heidelberger Rundschau), Kino, Theater. Wir wollten Bücher machen mit Inhalten, die bleiben.

AA Und haben dann mit zwei Lyrikbänden angefangen, von Michael Buselmeier Nichts soll sich ändern und von Jörg Burkhard In Gauguins alten Basketballschuhen, es folgten weitere Gedichtbände von Jürgen Theobaldy und Arnfrid Astel – Alltagslyrik war der Schlager der 70er Jahre.

MM Ganz wichtig war für uns damals, in Heidelberg zu bleiben und die Stadt mit dem, was wir hier tun, zu verändern, da schien uns der Verlag das geeignete Medium. Dazu gehörte auch, die verdrängte Geschichte Heidelbergs aufzuarbeiten, so zum Beispiel das jüdische Leben in Heidelberg, die Rolle der Universität in der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Entscheidend war die Wiederentdeckung von Emil Julius Gumbel, dem schon 1932 die Venia legendi von der Universität Heidelberg entzogen wurde. Bis heute gibt es keine Gedenktafel für ihn.

AA Es ist heute, nach dreißig Jahren, kaum mehr vorstellbar, dass wir in den Anfangsjahren keinen öffentlichen Ort hatten, wo wir unser Verlagsprogramm präsentieren konnten. Allein Hans Gercke vom Heidelberger Kunstverein stellte sein Haus zur Verfügung, das hat ihm viel Ärger eingebracht.

MM Es gab zwar linke Buchhandlungen, Frauenbuchläden, Dritte-Welt-Läden, aber keine – wie wir damals sagten – „bürgerliche“ Buchhandlung, die Verlagsprogramme von linken Verlagen führte. Es gab aus diesem Grund bis 1984 / 85 noch die Gegenbuchmesse vom Verband linker Buchhändler und Verleger. Nichtsdestotrotz waren wir von Beginn an auf der Frankfurter Buchmesse.

Es scheint heute kaum jemand mehr zu wissen, wie der Geist vor dreißig Jahren war, obwohl es ja viele erlebt haben …

AA Man vergisst und verdrängt, und wenn man die eigenen Texte mit der Terminologie von damals wieder liest, merkt man, da hat sich unser Sprachempfinden und -verhalten doch sehr verändert. Nicht die Inhalte, denn es geht immer noch darum, über den eigenen Horizont hinauszuschauen, im interkulturellen Dialog anderen Denkweisen nachzuspüren, nicht nur vor Ort, sondern weltweit, deshalb sind Autoren wie zum Beispiel Édouard Glissant, Jean Carrière oder Abdelwahab Meddeb ein wichtiger Bestandteil unseres Verlagsprogramms.
Der Verlagsname hat ja einen Bezug zu Heidelberg und zur Lyrik, wer sich in der Literaturgeschichte auskennt, weiß das und auch, dass die Herausgeber von Des Knaben Wunderhorn, Achim von Arnim und Clemens Brentano, vor zweihundert Jahren eine Opposition darstellten …

AA Für die damalige Zeit und mit unserem Anspruch war es schon provokativ, diesen Namen zu besetzen.

MM Wer den Bezug zur Romantik nicht herstellen wollte, hatte es leicht, denn Wunderhorn ist einfach ein genialer Name, der für Vielheit und Vielfalt steht. Wir konnten uns aber auch mit den frühen Romantikern in ihrer Aufbruchstimmung und emanzipatorischen Lebenshaltung identifizieren.

Die Chronik des Verlags in der Herbstvorschau kann einen ziemlich beeindrucken, weil die ganz unterschiedlichen Bücher sich zu einer Linie vereinigen, die stringent wirkt. Wie verlief die Verlagsgeschichte, was war wichtig, wann hattet Ihr das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein?

MM Wenn man sich das Verlagsprogramm genau anschaut, ist jedes Buch mit jedem rhizomatisch verbunden, es hat sich immer eines aus dem anderen entwickelt: Eines der ersten Bücher war von Herbert Achternbusch, Der Komantsche, ein Filmbuch, über ihn kamen wir in Kontakt zu Lotte Eisner und haben ihre Memoiren herausgebracht. Zur Prinzhorn-Sammlung hatten wir Kontakt seit 1980, seit der ersten großen Ausstellung in Heidelberg. Die Kooperation mit Prinzhorn begann 1984 mit der Veröffentlichung von Leb wohl sagt mein Genie – Ordugele muß sein. Wir haben auch die Bürgerinitiative für ein Prinzhorn-Museum mitgegründet, das es seit 2002 gibt.
1981 haben wir den Surrealisten Philippe Soupault kennengelernt, haben inzwischen eine 10-bändige Werkausgabe herausgebracht und Ré Soupault als Fotografin entdeckt. Der Katalog Blau – Farbe der Ferne, den wir zur Ausstellung des Heidelberger Kunstvereins 1990 veröffentlicht haben, ist bis heute ein Kultbuch und führte zur Zusammenarbeit mit weiteren Kunstvereinen und Museen – wie beispielsweise ganz aktuell dem Museum Ritter in Waldenbuch. Und auch jungen Künstlern bieten wir ein Forum.

AA Aus persönlichen Kontakten ist die Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Edenkoben entstanden. Wir haben mittlerweile 27 Bände in der Reihe „Edition Künstlerhaus“ verlegt, daneben internationale Reihen wie „Deutsche Reise nach Plovdiv“, „Balkanische Alphabete“ oder „Poesie der Nachbarn“, die von Hans Thill herausgegeben wird.

Gab es nicht sogar ein paar mediale Highlights, mit Meddeb, mit den Verleihungen des Huchel-Preises an die Lyriker Gregor Laschen und Hans Thill?

MM Die Krankheit des Islam von Abdelwahab Meddeb war 2002 ein herausragender Erfolg. Da konnte man feststellen, wie Medien und Sortimente reagieren: dass einem Kleinverlag ohne die Möglichkeit zu großen Werbekampagnen ein Bestseller nur gelingt, wenn innerhalb von vier bis sechs Wochen alles kompakt in Fernsehen, Funk und Print läuft.

AA Meddeb ist aber auch ein Beispiel dafür, dass trotz dieses großen Erfolgs sein literarisches Werk, das wir seit den 90er Jahren betreuen, weithin unbekannt geblieben ist.

Heute findet sich im Buchhandel meistens leider nicht mehr das gesamte Werk, sondern nur noch ein Buch des Autors, das neueste oder gerade verfilmte oder was als Taschenbuch vorliegt. Kann es sein, dass auch Lesern die Neugier abhanden gekommen ist?

MM Viele Buchhändler wollen ja gar nicht, dass man neugierig ist, weil sie ihre Sortimente reduzieren, es gibt keine Lagerhaltung mehr, oft weigern sich die Buchhandlungen sogar, Einzelbestellungen zu machen und behaupten, das Buch wäre nicht mehr lieferbar oder es gebe den Verlag nicht. Das trifft uns hart, weil uns Umsätze verlorengehen, denn von unseren 312 seit 1978 erschienenen Büchern sind nur sechs nicht mehr lieferbar.

Großereignisse für einen kleinen Verlag waren sicher die international gezeigten Ausstellungen von Ré Soupault und Pierre Verger?

AA Ré Soupaults Fotografien waren weltweit unterwegs durch die Goethe-Institute und ein durchschlagender Erfolg.

MM Auch durch die professionelle Vorbereitung des Pierre-Verger-Projekts Schwarze Götter im Exil waren Katalog und Ausstellungen erfolgreich. Es wird weitere Projekte in dieser Größenordnung geben.

Da darf man gespannt sein. Und was wünscht Ihr Euch für die nächsten Jahre, Jahrzehnte?

AA Noch mehr treue Leserschaft.

MM Ein Literaturhaus in Heidelberg.

Kurt Wolff-Stiftung
Wir unterstützen die Arbeit der Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene: www.Kurt-Wolff-Stiftung.de
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